Friday, January 13, 2006

2.Essay

Strukturalismus

Erläutere die zentralen Interessen des Strukturalismus Lévi-Strauss'scher Prägung. Wie ist die Bedeutung des strukturalistischen Ansatzes aus heutiger Sicht zu bewerten, auf welche Forschungsbereiche konzentrierten sich nachfolgende AnthropologInnen und warum?

Lévi Strauss, 1908 in Brüssel geboren, studierte in Paris Jus und Philosophie. Nach seinem Studium unterrichtete er kurze Zeit an einem Lycée und "wurde 1935 als Professor an die Universität von Sao Paulo berufen" (wikipedia). Während dieser Zeit machte er einige Forschungsaufenthalte bei Indigenen im Amazonasgebiet. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, emigrierte er nach New York, wo er auf einige andere emigrierte Europäer, vor allem Roman Jakobson, stieß, die sich mit der Frage des linguistischen Denkens beschäftigten. Dies sollte der Grundstein für seinen Strukturalismus sein. In New York gründete er gemeinsam mit anderen Sozialwissenschaftern die "École libre des hautes études de New York". Wieder in Frankreich, wurde er 1949 Direktor des "Musée de l'Homme" in Paris, später Direktor der "École pratique des études". Von 1959 bis 1982 war er Professor für Kultur- und Sozialanthropologie am Collège de France (vgl. wikipedia und Parkin, 2005).

Grundthesen

Lévi-Strauss postuliert, dass es universelle Strukturen des menschlichen Geistes gibt, die sich als zugrunde liegende Strukturen aus unterschiedlichen Erscheinungsformen ableiten lassen. "The ultimate aim of his studies has been to reveal the principles for the functioning of the mind. He would therefore regard, say kinship terminology not as a result of social organisation, but in the last instance as a product of the universal structures of the mind." (Eriksen, 2001, p. 116). Lévi-Strauss meint demzufolge auch, dass es strukturelle Gemeinsamkeiten gibt, die sich in jeder Kultur wiederfinden. "Claude Lévi-Strauss has been interested in both the internal logic of a culture and the relation of that logic to structures beyond the culture - the structure of all possible structures of some particular kind." (Barnard, p. 120). Noch einmal anders gesagt: "For Lévi-Strauss the essence of culture is its structure. This is true both for particular cultures, with their own specific configurations, and for culture worldwide, in the sense that particular cultures exist as part of a system of all possible cultural systems." (Barnard, p. 125).

Eine weitere Grundannahme seines Strukturalismus ist, dass das menschliche Denken auf binäre, also zweipolige, Strukturen zurück zu führen ist. Der Grundgegensatz ist dabei immer Natur und Kultur. Diesen Gegensatz stellt er u. a. auch mit dem kulinarischen Dreieck (roh-gekocht-verfault) dar, nämlich dass rohe Nahrung gekocht werden (kultureller Prozess) oder verfaulen kann (natürlicher Vorgang).

Ursprünglich stützte er sich in seinen Überlegungen auf den Linguisten Ferdinand de Saussure, dessen Konzepte er weiter entwickelte. Er beschäftigte sich mit dem Unterschied von Signifikant (die Ausdrucksseite des sprachlichen Zeichens) und Signifikat (die Inhaltsseite des sprachlichen Zeichens). Bezüglich der Sprache unterscheidet er „langue“ (das abstrakte System für Zeichen, Regeln, die die Sprache umfassen) und „parole“ (die realisierte Form der Sprache). Saussure meint, dass das menschliche Denken von Sprache dirigiert wird. Die wichtigsten Forschungen von Lévi-Strauss erfolgten im Themengebiet der Verwandtschaft und des Mythos.
Verwandtschaft: In seinem Buch „Die elementaren Strukturen der Verwandtschaft“ (frz. Orig.: 1949) analysierte Lévi-Strauss Verwandtschaftssysteme mit einem völlig neuen Ansatz, nämlich der Allianztheorie. Damit grenzt er sich von der britischen Anthropologie, die die Verwandtschaft mittels der Deszendenz (Abstammung) der Personen untersucht, ab - nach 1945 lehnte er die Abstammungsforschung dann übrigens völlig ab. Er definiert die Verwandtschaft nach den Lebenden und nicht nach den Vorfahren und untersucht sie mit Heiratsbeziehungen. Er unterteilt zwei verschiedene Gruppen: Bei der einen gelten Heiratsgebote (es wird empfohlen, jemanden aus einer bestimmten Gruppe zu heiraten) und bei der anderen gelten die Heiratsverbote (es wird vorgeschrieben, wen man nicht heiraten darf, z. B. einen Cousin; dies entspricht auch den westlichen Vorstellungen). Universell ist jedoch, ein Beispiel mehr für kulturübergreifende Strukturen, das Inzesttabu, welches praktisch völlig verbietet, einen gewissen Kern von Verwandten, der in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich definiert ist, zu heiraten.

Mythos: Er griff Emile Durkheim und dessen Untersuchungen zu Religion auf und ersetzt diese durch den Mythos, von dem er annimmt, dass er in allen Kulturen zu finden sei. Er entdeckte, dass sich vor allem die Mythen der Süd- und Nordamerikanischen Indigenen, bei denen er forschte, in ihrer Struktur ähneln. Er argumentiert, dass in jeder Gesellschaft mythisches, wissenschaftliches und philosophisches Denken existieren. Das mythische Denken beantwortet zuvor unbeantwortete Fragen mit Analogien. "For Lévi-Strauss … myth …, being language focused on metaphor, and thus being like life despite its inversions of it, can be treated as an autonomous domain that provides the key to human thought through its resolutions of the false oppositions it sets up, which lead back to reality" (Parkin, 2005, p. 213).

Heutige Sicht und nachfolgende AnthropologInnen

Heute gilt Claude Lévi-Strauss als wichtigster Kultur- und Sozialanthropologe nach der malinowskischen Ära.
Der Einfluss des Strukturalismus heute ist unübersehbar weitreichend: So wird strukturalistisches Denken z. B. in der Psychoanalyse (ausgehend von Jacques Lacan), Philosophie und Linguistik aufgegriffen und verwendet. Jedoch weiß man heute auch, dass zwei seiner Grundthesen nicht stimmen, nämlich, dass alles und jedes im menschlichen Denken auf Binarität zurück zu führen ist und dass alle Formen von Verwandtschaftssystemen auf Frauentausch basieren (Gingrich, Vorlesung 11. 1. 06).
Der Poststrukturalismus, entstanden als Kritik des Strukturalismus, ist eine Disziplinen überschreitende Perspektive, die hauptsächlich im frankophonen Raum verbreitet ist. Die Poststrukturalisten tendieren weg von den formalistischen Ideen des klassischen Strukturalismus hin zu einem weniger straffen, aber komplexeren Verständnis der Beziehung zwischen Kultur und sozialem Handeln.

Literatur

Barnard, A. (2000). History and Theory in Anthropology. Cambridge: University Press.
Eriksen, T.H. (2001). Small places, large issues. 2nd ed. London: Pluto Press.
Parkin, R. (2005). The French-speaking countries. In: Barth, F., Gingrich, A., Parkin, R. & Silverman, S., One discipline, four ways: British, German, French and American Anthropology (pp. 170-228). Chicago: University Press.
Gingrich, A. (2005). Vorlesung an der Universität Wien (WS 2005): Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie.
www.wikipedia.at

Friday, November 25, 2005

1. Essay


Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.


Bronislaw Malinowski

Malinowski (1884-1942), der ursprünglich aus Krakau stammte und später nach England emigrierte, gilt heute als Begründer des britischen Funktionalismus und Erfinder der modernen Feldforschung.

Er verbrachte unter anderem einen sechsmonatigen Forschungsaufenthalt bei den Mailu im Golf von Papua, aber viel wichtiger und entscheidender für seine Erneuerungen in Theorie und Methode der Kultur- und Sozialanthropologie war sein Aufenthalt zwischen 1915 - 1918 bei den Trobriandern, deren Lebensraum im westlichen Pazifik liegt. Während dieser Zeit revolutionierte er die kultur- und sozialanthropologische Forschung, indem er folgende enorme Fortschritte in die Feldforschung einbrachte:
- Um seinen Forschungsgegenstand genau erforschen und verstehen zu können, erlernte er die Sprache dieses Volkes, was zu jener Zeit sehr ungewöhnlich war.
- Er nahm am täglichen Leben der Trobriander teil.
- Er verbrachte einen langen Zeitraum mit den Menschen, mit denen er lebte und die er beobachtete.
- Daraus entwickelte eine neue Art der Feldforschung, die er teilnehmende Beobachtung („participant observation“) nennt.
- Zur genauen Dokumentation des täglichen Lebens der Trobriander führte er ein Feldforschungstagebuch, und zwar ein wissenschaftliches und ein privates, in das er seine persönlichen Erfahrungen eintrug.

Das nachfolgende Zitat verdeutlicht noch einmal Malinowskis Anliegen: “Malinowski stressed the need to learn the local language properly and to engage in everyday life in the society under scrutiny, in order to learn its categories ‘from within’, and to understand the often subtle interconnections between the various social institutions and cultural notions.” [1]

Zu seinen berühmtesten Werken die in der Folge dieses langen Forschungsaufenthaltes entstanden sind, zählen:

- „Argonauten des westlichen Pazifiks“, in dem er unter anderem über die Methode seiner Feldforschung, eine geografische Beschreibung des Gebietes und über den Kula-Handel, einen Austausch von Schmuck zwischen den Inselvölkern, schreibt.
- „Über das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien“, worin er über Organisation der Sexualität schreibt und seine Erkenntnisse mit Freuds Forschungen zur Entwickung der Sexualität vergleicht. Weiters schreibt er über Eltern-Kind-Beziehungen. Dabei fand er heraus, dass bei den Trobriandern der Mutterbruder die Vaterrolle übernimmt (vgl. Barnard, 2000, S. 67).

Malinowski setzte sich auch mit der damals populären Psychoanalyse Freuds auseinander. Er warnte davor, Freuds Sicht auf fremde Kulturen zu generalisieren. Er verwies auf die kulturellen Unterschiede von sexuellen und anderen wichtigen sozialen Beziehungen (vgl. wikipedia).

Er entwickelte die Theorie der „seven basic needs“: Er meinte damit, dass der Mensch sieben kulturelle Grundbedürfnisse hat, welche wiederum in der Kultur beziehungsweise Gesellschaft, in der er lebt, Antwort finden müssen. Obwohl diese Theorie keinen großen Anklang fand, seien die sieben Grundbedürfnisse und die kulturellen Antworten darauf hier kurz angeführt (vgl. Barnard, 2000, p. 69):

Stoffwechsel Verpflegung
Fortpflanzung Verwandtschaft
Körperliches Wohlbefinden Unterkunft
Sicherheit Schutz
Bewegung Aktivitäten
Wachstum Training
Gesundheit Hygiene


Unter Funktionalismus, der aus der Kritik am Evolutionismus und Diffusionismus entstand, versteht man „Theorienansätze, die soziale Phänomene auf ihre soziale Funktion in/für betreffende Gesellschaft oder Gruppe hin zu erklären versuchen.“ (wikipedia)

Dies gilt auch für Malinowskis funktionalistischen Ansatz.
„Seiner Ansicht nach darf ein kulturelles Phänomen in der Gegenwart nicht aus der Geschichte heraus erklärt werden, sondern müsse anhand seiner Funktion für die betreffende Kultur erkennbar sein.“(wikipedia)

Nach Malinowski ist alles in einer Gesellschaft auf eine Funktion ausgerichtet. Ihn interessieren das Individuum sowie dessen psychologischen und biologischen Hintergründe.

Der Funktionalismus vergleicht nicht verschiedene Kulturen und er sieht die Kultur als Ganzes.

Barnard (2000, p. 61) charakterisiert den Funktionalismus folgendermaßen: “It is the perspective concerned with actions among individuals, the constraints imposed by social institutions on individuals, and relations between the needs of an individual and the satisfaction of those needs through cultural and social frameworks.” [2]


Alfred Reginald Radcliffe-Brown

Der aus Birmingham stammende Radcliffe-Brown (1881-1955) ist der Begründer der Strukturfunktionalismus. In seiner Jugend war er aktiver Anarchist. Zeit seines Lebens sollte er sich unter anderem noch mit der Frage beschäftigten, ob und auf welche Weise Menschen ohne Herrschaft und ohne Staat leben können.
Nach seinem Studium in Cambridge widmete er sich Feldforschungen auf den Andamanen und in Westaustralien (Studien über Aborigines). Radcliffe-Brown wurde stark von seinem Lehrer Émile Durkheim beeinflusst.

Im Gegensatz zu Malinowski war er kein großer Feldforscher, jedoch erwiesen sich viele seiner Theorien als plausibel.

Er spielte eine wichtige Rolle für die Verwandtschaftsforschung und beschäftigte sich mit Totemismus.

Seine bekanntesten Werke sind:
The Andaman Islander, 1922
Social Organization of Australian Tribes, 1931
Structure and Function in Primitive Society, 1935
African System of Kinship and Marriage, 1950

“His theory, known as structural functionalism, saw the acting individual as theoretically unimportant, emphasising instead the social institutions (including kinship, norms, politics, etc.). Most social and cultural phenomena, according to this view, could be seen as functional in the sense that they contributed to the maintenance of the overall social structure.[3]

Radcliffe-Browns Forschungsinteresse war somit der soziologische Hintergrund von individuellen Phänomenen.

“Structural-functionalism tends to be concerned less with individual action or needs, and more with the place of individuals in the social order, or indeed with the construction of the social order itself.” [4]

Gesellschaft besteht demnach aus zusammengesetzten Strukturen, die eine Funktion haben.

„Radcliffe-Brown sah Institutionen als Schlüssel zum Erhalt der globalen sozialen Ordnung der Gesellschaft, analog zu den Organen des Körpers, und seine Studien der sozialen Funktion untersuchen, wie Bräuche dazu beitragen, die allgemeine Stabilität der Gesellschaft zu erhalten. Dabei ignorierte er die Effekte historischer Veränderungen völlig. Kritisiert wurde vor allem sein Nichtbeachten der Einflüsse des Kolonialismus.“ (wikipedia)

In seinem Ansatz des Strukturfunktionalismus untersuchte er die Strukturen verschiedener Gesellschaften und verglich diese miteinander, um seine Erkenntnisse verallgemeinern zu können.
Im Gegensatz zum Funktionalismus vergleicht der Strukturfunktionalismus sehr wohl verschiedene Kulturen.


Schlussfolgerungen

Malinowski und Radcliffe-Brown gelten beide als Urväter der Kultur- und Sozialanthropologie. Obwohl sich beide von Diffusionismus und Evolutionismus distanzierten, waren sie zu ihrer Zeit große Konkurrenten.

Malinowksi hat für die Forschungsmethodik enorme Beiträge geleistet. Er gilt von den beiden als der bessere Feldforscher und Praktiker. Radcliffe-Brown hingegen hat in der Theorie wesentliche Schritte für die Kultur und Sozialanthropologie gesetzt und somit als der bessere Theoretiker.
Beide haben somit große Verdienste für die Entwicklung der Kultur- und Sozialanthropologie.

„The differences between these two figures were deep and pervasive, ranging from personality through basic scholary style to the particulars of their concept of function and the anthropological theory it undergirded. Whereas Radcliffe-Brown workes narrowly and systematically to build a discipline of coherent concepts, methods, data, and theory, Malinowski had remained in the flow of ever-changing cross –disciplinary impulses, responding to world issues and cosmopolitain intellectual life in a continuing conversation with his students” [5]



Quellen:

Barnard, A. (2000). History and Theory in Anthropology. Cambridge: University Press.
Barth, F., Gingrich, A., Parkin, R. & Silverman, S. (2005). One discipline, four ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago: University Press.
Eriksen, T.H. (2001). Small places, large issues. 2nd ed. London: Pluto Press.
www.wikipedia.de

[1] Eriksen, T.H. (2001). Small places, large issues. 2nd ed. London: Pluto Press, p. 15.
[2] Barnard, A. (2000). History and Theory in Anthropology. Cambridge: University Press, p. 61.
[3] Eriksen, T.H. (2001). Small places, large issues. 2nd ed. London: Pluto Press, p. 15.

[4] Barnard, A. (2000). History and Theory in Anthropology. Cambridge: University Press, p. 61.
[5] Barth, F., Gingrich, A., Parkin, R. & Silverman, S. (2005). One discipline, four ways: British, German, French and American Anthropology. Chicago: University Press, p. 29.

Wednesday, October 26, 2005

hallo